Aus der Geschichte lernen
Wer sich mit der Geschichte der Braunschweiger Arbeiterbewegung beschäftigt kann sich glücklich schätzen, Dokumente aus der Zeit vor 1933 zu finden, in denen das politische Geschehen schriftlich festgehalten worden ist, wie z. B. im Protokoll des KPD-Bezirksparteitag Niedersachsen Dezember 1932 (siehe Fußnote 1 am Ende). Es umfasst den Zeitraum 1930 bis 1932. Wir beschränken uns in diesem Artikel auf Braunschweig und die Bezüge zum Freistaat.
Das Leitmotiv des Protokolls und Ziel der Konferenz war
ROTER VORMARSCH IM BEZIRK NIEDERSACHSEN“
Sehr konkret ist die Arbeit der KPD-Landtagsabgeordneten zu verfolgen, auf die die Genossen Paul Gmeiner und Ernst Winter als Braunschweiger Delegierte starken Einfluss genommen haben.
Paul Gmeiner
(von
Ernst Winter haben wir kein Bild finden können)
Die KPD diskutiert die Infrastruktur im Land, erkennt Kriegsvorbereitungen und äußert sich besorgt:
Allein wegen seiner geographischen Lage hat der Bezirk Niedersachsen große strategische Bedeutung. ... Fünf wichtige Eisenbahnlinien von Nord nach Süd, von Ost nach West ... Besonders im Hinblick auf den imperialistischen Krieg sind die Flughäfen im Bezirk Niedersachsen als die von den Grenzen am weitesten entfernt liegenden von außerordentlicher Bedeutung.“ ...
Im Gebiet Niedersachsen konzentriert sich eine sehr wichtige Industrie, die ohne große Schwierigkeiten auf die Kriegsproduktion umgestellt werden kann. Hier waren bereits während des Weltkrieges wichtige Knotenpunkte der Munitionslieferung und der Kriegsproduktion. Diese Betriebe haben im Hinblick auf die neuen imperialistischen Kriegsvorbereitungen noch an Bedeutung gewonnen. Es bedarf keiner eingehenden Darlegung, welche entscheidenden Aufgaben sich in einem imperialistischen Krieg oder bei Interventionskriegen (gegen die Sowjetunion) für das revolutionäre Proletariat Niedersachsens bei dieser strategischen Lage ergeben.“
Zur Entwicklung einer revolutionären Kampffront wird kritisch analysiert:
Das Gebiet Niedersachsen stellt kein einheitliches Wirtschaftsgebiet dar. Allein politisch gesehen, gliedert es sich in die Gebiete Preußen, Freistaat Braunschweig und Freistaat Lippe. Ökonomisch ist es sowohl in agrarischer wie in industrieller Hinsicht außerordentlich zerklüftet und uneinheitlich. Diese Verschiedenheit in der Struktur des Gebietes kompliziert die Aufgaben und hemmt die Entwicklung der revolutionären Kräfte.“
Eine große Sorge wird angesichts der Krise im Anwachsen der faschistischen Bewegung festgehalten:
Die kapitalistische Wirtschaftskrise wirkte sich im Gebiet Niedersachsen in außerordentlich starkem Ausmaße aus. Viele Industrien brachen zusammen. ... Diese Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaftskrise und ihrer Auswirkungen erklären bei der Schwäche der Partei auch die besondere Stärke der faschistischen Bewegung im Gebiet Niedersachsen.“
Braunschweig als Industriestadt bildete eine Ausnahme: hier hatte sich eine hochmotivierte Arbeiterklasse entwickelt, die KPD nahm den Kampf gegen den Faschismus auf. Aber dazu später.
Krise - Faschismus
In der Analyse wird weiter selbstkritisch festgestellt, daß die außerordentlich schwache Kommunistische Partei in Niedersachsen bis 1930 außerstande war, der faschistischen Entwicklung einen Damm entgegenzusetzen. Darauf sei das außerordentlich starke Anwachsen der faschistischen Reaktion zurückzuführen, was bei der Landtagswahl im September 1930 zur Regierungsbildung durch Nazis und Deutschnationale geführt habe.
Der Bezirk Niedersachsen der nationalsozialistischen Partei gehöre zu den Bezirken mit dem stärksten Einfluß. Im Juli 1932 habe die Nazipartei rund 673. 000 Stimmen erhalten und sei eine der Hochburgen der nationalsozialistischen Bewegung.
Festgestellt wird:
... Jahrelange erbitterte innerparteiliche Auseinandersetzungen beherrschten das gesamte Leben der Partei und machten jeden entscheidenden Vorstoß und Durchbruch unmöglich. Der erbitterte Kampf gegen die Rechten, der noch erbittertere Kampf gegen die Ultralinken, ... beherrschte das Leben der Parteiorganisation.“
Die Partei wird herumgerissen!
Das Zentralkomitee der Partei machte mit diesem Zustand Schluss. Die strategische Bedeutung des Bezirks war erkannt und in der Leitung die Veränderungen vorgenommen worden, die zur Durchsetzung der Parteibeschlüsse erforderlich waren. Mit der Übernahme des Bezirks im Frühjahr 1930 durch den Genossen John Schehr trat der Wendepunkt in der Entwicklung der Bezirksorganisation ein:
Alle der Kommunistischen Internationale angeschlossenen Parteien müssen um jeden Preis die Losungen: Tiefer hinein in die Massen! Engere Fühlung mit den Massen! in der Praxis wahr machen, wobei unter den Massen zu verstehen ist: Die Gesamtheit der Werktätigen und vom Kapital Ausgebeuteten, besonders derjenigen, die am wenigsten organisiert und aufgeklärt, am stärksten unterdrückt und organisatorisch am schwersten zu erfassen sind. ...
Zum ersten Mal in der Geschichte der KPD Niedersachsens nahmen an diesem Parteitag sozialdemokratische Arbeiter teil, und zwar zwei aus Geitelde und vier aus Oldau. ...Die Mehrheit der führenden Funktionäre hielten die Gewinnung von SPD-Arbeitern für aussichtslos. Es wurde ihnen das Gegenteil bewiesen und damit ein entscheidender Schritt in der Überwindung der Hemmnisse bei der Gewinnung von sozialdemokratischen Arbeitern getan.

Wendung zur Massenarbeit!
Der Bezirksparteitag stellte sehr ernst und sehr konkret die Fragen der Wendung zur Massenarbeit. ... In der Durchsetzung der Beschlüsse des Bezirksparteitages und seiner Weisungen vollzog sich der große rote Vormarsch der Kommunistischen Partei Niedersachsen.“
In der Durchführung dieser Offensive stellten wir in den Mittelpunkt die Frage des wehrhaften Abwehrkampfes gegen den faschistischen Terror. Als am 5. Juni 1930 anläßlich einer öffentlichen Versammlung der SPD in Wolfenbüttel die Nazis einen Überfall durchführten (ein Arbeiter, Vater von 9 Kindern tot, ein Arbeiter schwerverletzt), stellte die Partei zum ersten Male die Fragen der Einheitsfront gegen den faschistischen Terror.
Neue faschistische Überfälle in Blankenburg und Schöningen förderten unsere antifaschistische Einheitsfrontbewegung. Als dann am 5. August der Überfall auf das Gewerkschaftshaus in Göttingen, am 23. August der Sprengstoffanschlag auf das Gewerkschaftshaus Hannover und der Mord an dem Jungarbeiter Jordan, Hannover, kam, gab uns das Veranlassung, die Frage des gemeinsamen antifaschistischen Kampfes im gesamten Bezirk aufzurollen. Hier lernte die Parteiorganisation praktisch das linke Sektierertum in den eigenen Reihen zu überwinden und die Wendung zur Massenarbeit durchzuführen.“
Der Naziaufmarsch am 2. September in Braunschweig, unter dem Schutz der SPD-Regierung, ... wurde zur weiteren Verstärkung der Arbeit für die Gewinnung der sozialdemokratischen Arbeiter, zur Verstärkung des Kampfes ... ausgenutzt.“
Aus dieser Sachlage zog die Partei Konsequenzen:
Braunschweig als Zentrum"
Eine gründliche Untersuchung der bezirklichen Lage, das Suchen nach dem Kettenglied, mit dem die Partei die ganze Front aufreißen konnte, führte zu der Entscheidung: Braunschweig ist das Zentrum, der Ausgangspunkt für die politische Offensive der Partei in Niedersachsen. Nach der Landtagswahl vom 14. September 1930 war hier eine Regierung aus Nationalsozialisten und Deutschnationalen zustande gekommen. Diese Regierung der faschistischen Reaktion versuchte Braunschweig zu einem faschistischen Zentrum auszubauen, die Arbeiterklasse und die Werktätigen in Stadt und Land zu knebeln.
Die KPD schritt in der Fortführung ihres vor der Reichstagswahl besonders im Freistaat Braunschweig aufgenommenen antifaschistischen Kampfes im verstärkten Maße fort. Die Bezirksleitung beschloss, die antifaschistische Bewegung durch die Organisierung eines Volkskongresses gegen den Faschismus in Braunschweig in Verbindung mit einem Kampfaufmarsch für den 22. Februar (Anm.: 1931) zu organisieren. ...“
Dieser Kampfaufmarsch der KPD wurde von Naziminister Franzen verboten. Die Partei antwortete auf das Verbot mit der Organisierung von 5 Aufmärschen im Lande Braunschweig.
Hitler und der Stahlhelmführer Seldte kündigten ihr Erscheinen an. Die Bezirksleitung war sich darin einig, daß hier eine erste größere Auseinandersetzung stattfinden würde, die für die weitere Entwicklung von entscheidender Bedeutung war. Die Partei mobilisierte alle ihre Kräfte und rief die Arbeiterschaft Braunschweigs zur Verteidigung der Arbeiterviertel auf. Die SPD-Führer kapitulierten. Der sozialdemokratische „Volksfreund“ erklärte am 16. Februar: „Wir fügen uns dem Verbot. ...“
Im Protokoll heißt es dazu weiter: „Die Bezirksleitung sah hier eine erste größere Auseinandersetzung und ... rief die Arbeiterschaft Braunschweigs zur Verteidigung der Arbeiterviertel auf. ... Der 22. Februar wurde zu einem entscheidenden Tag in der Entwicklung unserer antifaschistischen Einheitsfront. Es kam zu wuchtigen Gegendemonstrationen gegen die SA-Banden. Der Fackelzug am 21. wurde gesprengt; der Sonntag brachte zahlreiche blutige Zusammenstöße, die Nazis mußten auf dem Durchmarsch durch die Arbeiterstraßen, in denen die kommunistischen, sozialdemokratischen und parteilosen Arbeiter die Einheitsfront geschlossen hatten, verzichten. Die Partei führte eine illegale Demonstration von 1000 Mann durch. ...
Diese erste große antifaschistische Einheitsfrontaktion der Partei führte zur Bildung von antifaschistischen Straßenschutzstaffeln.“ ...
Man schrieb den 18. März 1931, als das Kommunalparlament ... zu seiner ersten Sitzung zusammentrat. Unmittelbar nach der Eröffnung der neugewählten Stadtverordnetenversammlung erklärte Hermann Behme, der Vorsitzende der KPD-Fraktion, „dass die Stadtverordneten der KPD mit den Stadtverordneten der SPD zusammengehen und dafür sorgen werden, dass kein Nazi oder Bürgerlicher das Präsidium übernimmt und auch verhüten werden, dass diese in die Ausschüsse kommen.“
Dieser öffentlichen Verlautbarung des KPD-Mandatsträgers zu einem mit der SPD koordinierten Abstimmungsverhalten in Personalfragen waren ein Gesprächsangebot der SPD und entsprechende Verhandlungen - auch über Sachfragen - vorangegangen.
Das Ergebnis der Absprachen stellte einen in der Endphase der Weimarer Republik bis dahin einzigartigen Vorgang dar. Die KPD gab erstmals den von der verhängnisvollen „Sozialfaschismus“-These abgeleiteten Grundsatz auf, unter allen Umständen nur für eigene, nicht für sozialdemokratische Magistrats- bzw. Stadtratskandidaten zu stimmen. Dies geschah - auch wenn die „Sozialfaschismus“-These selbst damals noch nicht als falsch und schädlich verworfen wurde - im Interesse der gemeinsamen Abwehr der NSDAP. Dieses Ziel war auch der wesentliche Beweggrund für das beinahe sensationelle Gesprächsangebot der Braunschweiger SPD gewesen.“
zitiert aus: Hans-Peter Klausch, Hermann Bode (1911-1944): Ein Braunschweiger Stadtverordneter im Kampf
gegen Faschismus und Krieg, 1999, trafo-Verlag, S. 24-25
Zur weiteren Entwicklung des antifaschistischen Kampfes und Mobilisierung der Massen wurden weitere Maßnahmen beschlossen, u.a. einen Volksentscheid zur Auflösung des Braunschweigischen Landtages als Mittel zur gesteigerten Entfaltung des außerparlamentarischen Kampfes durchzuführen. Einer der Gründe wird in der Tagung der
Harzburger Front“ am 11.10.1931, erkannt.
Zwei Wochen später ruft John Schehr zum Kriegszug gegen Hunger und Not auf:
Signatur: H XVII: 0016.0025 / Stadtarchiv Braunschweig, H XVII: 0016.0025
Das zweite wichtige Dokument, ist eine Broschüre der VVN-Geschichtskommission, die Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts herausgegeben wurde, und in der noch lebende Zeitzeugen festgehalten haben, was vor 93 Jahren geschah:
Verbrechen an braunschweiger Arbeiter“,
herausgegeben von der Geschichtskommission der VVN/Bund der Antifaschisten, Kreisvereinigung Braunschweig.
Redaktion: Erich/Hans Wüstemann, Paul Wunder, Gerda Berndt
Die Zusammentragung der Dokumente besorgte Robert Seeboth, Wolfenbüttel
Die Erzählenden haben den Faschismus erlebt, erleiden müssen, ihr Bericht ist authentisch. Im Vorwort haben sie vorangestellt:
Seit Jahrzehnten wird der 4. Juli von der Braunschweiger Arbeiterschaft als ihr Gedenktag gefeiert. Es ist der Tag, an dem der deutsche Hitlerfaschismus der organisierten Arbeiterbewegung in Braunschweig blutende Wunden schlug und elf ihrer besten Söhne in Rieseberg ermordete.“
Der Massenmord in Rieseberg am 4. Juli 1933 ist das schreckliche Ergebnis einer Politik, die durch bestialischen Terror, Zerschlagung aller Organisationen der Arbeiterklasse sowie auch Kultureinrichtungen des Bürgertums zur Macht kommen konnte. Der Faschismus wurde im Interesse der Banken und Großkonzerne legalisiert, der Widerstand gebrochen, der Weg zur ungehemmten Profitmaximierung war frei. Hitlers Ziele waren bekannt. „Am 11. Oktober 1931 tagte in Bad Harzburg die „nationale Opposition“. Auf dieser Konferenz war so ziemlich alles vertreten, was in Deutschland an Reaktionären, Antikommunisten, Republik- und Demokratiefeinden aufzugabeln war“ schrieb Robert Gehrke als Zeitgenosse und Verfolgter (siehe Fußnote 2).
Bereits am 24. August 1930 wird Ernst Thälmann in der „Rote Fahne“ zitiert:
Die Faschisten (Nationalsozialisten) behaupten, ihre Bewegung richte sich gegen den Imperialismus. In Wirklichkeit aber treffen sie Abkommen mit den Imperialisten (England, Italien). Sie wenden sich gegen den Freiheitskampf der Kolonialvölker (Indien, China, Indochina), verlangen für Deutschland Kolonien und hetzen zu neuen Kriegen, vor allem zur Intervention gegen die Sowjetunion, das einzige Land, dessen siegreiche Arbeiterklasse sich gegen alle Überfälle des Weltkapitals, gegen alle Raubzüge der Versailler Imperialisten siegreich mit Waffengewalt verteidigt hat. Überall, wo der Imperialismus unterdrückte Volksmassen knechtet, würgt und niederschießt, wirken die deutschen Faschisten durch ihre Vertreter mit: in China durch die Kapp-Putschisten Wetzel und Kriebel, in Südamerika durch die Militärmission des Generals Kuntz, in Österreich durch den Liebknecht-Mörder Papst.“
In der Broschüre „Verbrechen an braunschweiger Arbeiter“ heißt es:
Auf der Tagung der ‚Harzburger Front‘ gab Hitler den anwesenden Vertretern des deutschen Industriekapitals, den Banken und den Großgrundbesitzern die Zusicherung, nach seiner Machtübernahme die Gewerkschaften zu zerschlagen und eine Neuformierung der arbeitenden Menschen zu Gunsten des Großkapitals durchzusetzen.
Eine neue, nationalsozialistische Betriebsorganisation würde unter dem Gedanken einer „Volks- und Schicksalsgemeinschaft“ den Klassenkampf abschaffen und somit den Betriebsfrieden, auch bei Niedrigstlöhnen, sichern.
Um sein Endziel, die Liquidierung des Marxismus in Deutschland und in der Welt zu erreichen und im Osten Europas für Deutschland den größten Lebensraum zu gewinnen, sei die Disziplinierung der Arbeiter in den Betrieben erstes Gebot. Nur so könne ein reibungsloser Ablauf der geplanten Aufrüstung für den 2. Weltkrieg gesichert werden.
Volle Zustimmung fanden diese Thesen bei dem deutschen Großkapital; waren ihnen doch bei einer von den Nationalsozialisten unterdrückten Arbeiterklasse und der in Aussicht gestellten Aufrüstung Höchstprofite sicher. Für diese Ziele beschlossen sie, Hitler und seine NSDAP erneut finanziell und politisch bis zur „Machtübernahme“ zu unterstützen. Um den anwesenden Vertretern des deutschen Großkapitals die Härte seiner SA und SS zu demonstrieren, wurde in Braunschweig zum 18.10.1931 der Aufmarsch der 100.000 organisiert.
Nach der Landtagswahl vom September wurde in Braunschweig am 1.10.1931 eine neue Regierung gebildet. Der Deutschnationale Dr. Küchenthal verließ mit seiner Partei den Boden der parlamentarischen Demokratie. In seiner Regierung wurde zum ersten Mal im Lande Braunschweig der Nationalsozialist Franzen Minister. Franzen wurde am 15.09.1931 von dem berüchtigten Dietrich Klagges abgelöst, der Hitler mehr Gewähr für seine faschistischen Ziele bot.“ (siehe Fußnote 3)
SA-Aufmarsch 1931 in Braunschweig
In Braunschweig wurde damit der Boden geschaffen, um bei dem Aufmarsch der 100.000 den Terror gegen die Wohngebiete der Arbeiterschaft durchzuführen. Schon am Vorabend des Aufmarsches herrschte der Terror.
Aus einer Gewerkschaftsversammlung kommend, wurden auf dem Hagenmarkt die Kollegen Pfeiffer und Fischer (siehe Fußnote 4) von einem größeren Trupp SA-Männern überfallen, wobei Fischer erschlagen wurde. Am Tage des Aufmarsches wurde auf dem Klint der Arbeiter Engelke erschossen. ...
Das Maß war voll.
Die besonderen Anstrengungen der KPD unter der Anleitung des ersten Vorsitzenden im Bezirk Hannover-Braunschweig, Jonny Schehr, richteten sich auf die Braunschweiger Betriebe. In ständigen Aussprachen mit Gewerkschafts- und Betriebsfunktionären wurden die Grundlagen für die größte und breiteste in Aktionseinheit durchgeführte Protestaktion im ganzen Reich anlässlich der Einäscherung der beiden Toten geschaffen. Die Belegschaften der MIAG und der Braunschweiger Maschinenbauanstalt gingen als erste aus dem Betrieb. Ihnen folgten die gesamten Betriebe und große Teile der Bevölkerung. Noch nie war in der Stadt Braunschweig eine solch große Massenbewegung zum Protest gegen die Mordbanden der Faschisten angetreten.

Trotz des von Minister Klagges erlassenen Redeverbots vor dem Krematorium, sprach Jonny Schehr von der Freitreppe des Krematoriums aus zu der Braunschweiger Arbeiterschaft, darunter viele Frauen und Jungarbeiter und forderte sie zum gemeinsamen Handeln gegen den Faschismus auf. Die braunschweiger Gewerkschafter und Antifaschisten schützten ihn durch einen festen Wall untergehakter Arbeiter vor dem Zugriff der Klagges-Polizei. Auf dem Rückweg vom Krematorium zur Stadt ging berittene Polizei gegen die Demonstranten vor.
Im Verlauf der Regierungstätigkeit von Klagges zu Beginn der Hitlerherrschaft wurde der Terror im Lande Braunschweig bis zum Mord in Rieseberg gesteigert.
*
Fazit:
Gegen die Missachtung ihrer Interessen entwickelte die seit Jahrzehnten organisierte Arbeiterschaft Widerstand.
Hitler zerschlug am 2. Mai 1933 die Gewerkschaften. An ihrer Stelle wurde der Arbeiterschaft die „Deutsche Arbeitsfront“ aufgezwungen. Das dem deutschen Großkapital in Harzburg gegebene Versprechen wurde von ihm erfüllt. Angesichts dieser Lage beschloss die Führung der NSDAP mit der gesamten Partei und der Deutschen Arbeitsfront die nationalsozialistische Eroberung der Betriebe.
Ab März 1933 (letzte Betriebsratswahlen, seit 24.3. Ermächtigungsgesetz) wurden die Parteivorstände der KPD bereits in Gefängnissen und Zuchthäusern aufs Schwerste gefoltert, um ihnen fingierte Geständnisse zu entlocken, bzw. Genossinnen und Genossen zu verraten. Ziel war, den Widerstand zu brechen und die Arbeiterschaft für die faschistischen Ziele gefügig zu machen.
Die Entwicklung bestätigte ihre vorausschauende Einschätzung.
*
Im zweiten und letzten Teil werden die Kameradinnen und Kameraden der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) weiter über die Entwicklung des terroristischen Geschehens in Braunschweig berichten, wie sie es in der Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts in der oben erwähnten Broschüre niedergeschrieben haben:
"Verbrechen an braunschweiger Arbeiter“
Fußnoten
1 Das historische Niedersachsen umfasste den Freistaat Braunschweig und Teile der preußischen Provinz Hannover (wikipedia)
2 Robert Gehrke: „Aus Braunschweigs dunkelsten Tagen“, Seiten 27-32
3 Dietrich Klagges: seit Oktober 1930 Innenminister des Freistaates und hat die SA als Hilfspolizei eingeführt
4 Heinrich Fischer, Braunschweig
Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes / Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten,
- Kreisvereinigung Braunschweig -
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